Neurose Was ist eine Neurose? Der Begriff „Neurose“ ist heute weniger gebräuchlich als noch vor wenigen Jahren. Die seit einigen Jahren gültige offizielle Kategorisierung (ICD-10) verwendet diesen Begriff nicht mehr, sondern die Bezeichnung „Störung“. In der Allgemeinsprache wird es jedoch weiterhin gebraucht. Die verschiedenen psychologischen und psychotherapeutischen Schulen beschreiben die psychischen Störungen und die abgeleiteten Therapiemethoden im jeweiligen eigenen konzeptionellen Rahmen, in der eigenen Sprache. Es gibt zahlreiche Grundvorstellungen und Schattierungen, auch der versierte Fachmann hat dabei Orientierungsschwierigkeiten. Aus praktischen Erwägungen halten wir uns an die Konzeption, die im deutschen Gesundheitswesen (Weiterbildung und Kassenfinanzierung) offiziell anerkannt sind: psychoanalytische Verfahren Verhaltenstherapie und Gesprächstherapie. In diesem Rahmen gibt das Compact Lehrbuch von S.O. Hoffmann u. G. Hochapfel: “Neurose nlehre, Psychotherapeutische und Psychosomatische Medizin (1995) einen sehr guten Einblick in die Problematik (Fachbuch!). Die Entstehung neurotischer Störungsbilder wird auf vier Grundmechanismen zurückgeführt:
Die Neurose ist eine Art „Betriebsstörung“ des psychischen Apparates, die sich in Verhaltensweisen, in Symptomen, in Befindlichkeitsstörungen äußert. Seelische Symptome können z. B. sein: Angst, Depressionen, Zwangsgedanken oder Zwangshandlungen. Nach dem Leitsymptom wird die Störung als „Diagnose“ benannt. Zumeist liegt aber ein komplizierteres Störungsbild vor, weil in die Störung die „Persönlichkeit“ involviert ist. Oft ist die emotionale Befindlichkeit erheblich beeinträchtigt: Spannungsgefühle, allgemeine Ängstlichkeit, schwankende oder traurige Stimmungslage, Unsicherheit, Schuldgefühle, Schamgefühl, gestörtes Selbstwertgefühl, Probleme im zwischenmenschlichen Bereich, problematisches Leistungsverhalten. Oft liegen begleitende Körperstörungen, wie Schlafstörung, Schmerzzustände, sexuelle Störungen usw. vor. Wenn eher eine „latente“ Bereitschaft zu solchen Reaktionen besteht, dann spricht man über „Neurotizismus“, über eine Art Anlage oder Bereitschaft zu dieser Störung. Seelische Gesundheit und neurotische Reaktionen befinden sich auf einem Kontinuum. Situationsabhängig kann jeder Mensch mit solchen Störungen reagieren. Bei der manifesten Neurose mit Krankheitswert ist jedoch die Situationsabhängigkeit höchstens teilweise gegeben, dort haben sich die seelischen Mechanismen der Symptomentstehung verselbstständigt und nicht zuletzt dem Bewusstsein entzogen. Bestimmte psychische Situationen, evtl. massive aktuelle Belastungen, länger dauernde Lebenskonflikte fungieren als „Auslöser“ der Symptome, als „Ursache“ der Krankheit Neurose. Die Symptomatik kann abklingen, wenn der „Auslöser“ nicht mehr wirksam ist. In diesem Falle spricht man übrigens in der Psychoanalyse nicht über eine Neurose, sondern über eine (situative) neurotische Reaktion. Im engeren Sinne beinhaltet der Neurosenbegriff die lebensgeschichtliche Bestimmtheit: seit frühester Kindheit besteht eine intrapsychische, unbewusste Konfliktkonstellation, die in der Auslösesituation durch Erhöhung der seelischen Spannung zur Symptombildung führt. Die Symptombildung selbst führt übrigens – eigenartigerweise - zu innerer Entspannung; die Symptombildung fungiert als innere Kompromissfindung, so wird das Symptom sozusagen der Preis für die innere Entspannung. Nach der Grundkonzeption der Psychoanalyse spielt in dieser Spannung der unbewusste (Trieb-)Wunsch bzw. dessen konflikthafte Abwehr eine zentrale Rolle. Bei diesen Prozessen sind immer auch Lernprozesse im Sinne der Reizverarbeitung und der Veränderung der Gefühls-, Denk- und Verhaltensvorgängen wirksam: in diesen Kategorien begreift die Verhaltenstherapie die Symptomentstehung. Eine neurotische innere Struktur ist also eine lebenslang bestehende latente Bereitschaft zu Symptombildung. Letztere geschieht in bestimmten Belastungssituationen, bei äußeren Lebensereignissen, nicht selten im Zusammenhang mit normen „Schwellensituationen“ im Lebenslauf (Heirat, berufliche Veränderungen usw.) Das Ausmaß der „Vorschädigung“ und die Lebensereignisse bestimmen in einem dynamischen Zusammenspiel, ob ein Mensch gesund ist bzw. bleibt oder ein „Neurotiker“ wird. In diesem ständigen „Kampf“ spielen seine Lebenserfahrungen, seine inneren Kräfte, Abwehrmöglichkeiten und Kompensationsmechanismen, Kompetenzen, seine „Ich-Stärke“ eine entscheidende Rolle. Genauso wichtig sind die sozialen Umstände, Hilfs- und Unterstützungssysteme in der Erhaltung von Gesundheit. In diesem Sinn spricht man über Risikofaktoren und über Schutzfaktoren, deren Zusammenspiel letztlich entscheidet, ob jemand in einer bestimmten belastenden Lebenssituation erkrankt oder gesund bleibt und die Situation gut meistert. Die letzten Ausführungen machen auch nochmals das Dilemma deutlich, was die Unterscheidung zwischen Neurose und Persönlichkeitsstörung ausmacht. Gefestigte innere Strukturen bedeuten seelische Stabilität. In diesen Strukturen kann jedoch eine innere „Schieflage“ entstanden sein, die eine Persönlichkeitsstörung ohne Einsicht des Betroffenen ausmacht. es ist in seiner Gesamtperson „abnorm“. Aus der psychotherapeutischen Praxis ist hierfür die sog. „narzisstische Persönlichkeitsstörung“ ein wichtiges, weil auch häufiges Beispiel. Ähnliches kann man über die sog. sado-masochistischen Persönlichkeitsstörungen behaupten. Weitere abnorme Charakterstrukturen nennt man, wenn sie eine gewisse Ausprägung erreichen, hysterische, zwanghafte, depressive, oder schizoide Persönlichkeitsstörungen. Zur vertieften Beschäftigung mit dieser Problematik eignet sich besonders der Klassiker des Themas von Riemann (1999): „Die Grundformen der Angst“. Die Bezeichnung „Grundformen“ ist diesbezüglich auch deswegen zutreffend, weil die Neurosenlehre in der Bildung und Verarbeitung von Angst die „Drehscheibe“ in der Entstehung von psychischen Erkrankungen überhaupt sieht. Das innere Repertoire der seelischen Mechanismen, die psychisches Funktionieren insgesamt ausmacht, nennt die Psychoanalyse „Ich-Funktionen“ – es ist die Konzeption über die inneren psychischen „Werkzeuge“, die im Rahmen der Diagnostik beschreiben und im Zuge der Therapie verändert, („repariert“) werden. Andere Therapieschulen operieren mit anderen Begrifflichkeiten. Das fehlerhafte Funktionieren wird sowohl bei einer Neurose als auch bei Persönlichkeitsstörungen und psychosomatischen Störungen erfasst und daraus eine therapeutische Strategie entwickelt. Hier sei es noch mal erwähnt, dass Gesundheit („Normalität“) und Krankheit („Pathologie“) als fließende Übergänge zu betrachten sind. Wichtig bei allen drei Formen der Störung – Neurose, Persönlichkeitsstörung und psychosomatische Störung– (Psychosen und hirnorganische Störungen lassen wir hier aus praktischen Erwägungen weg), dass neben den Symptomen jeweils das Sozialverhalten, die praktische Lebensführung, Partnerschaft und das Leistungsverhalten auf verschiedenster Weise mit ein Teil der Störung sind bzw. als Folge der Störung beeinträchtigt sind. Einen wesentlichen Unterschied zwischen Neurose und Persönlichkeitsstörung beschreibt der folgende Tatbestand. Bei der Persönlichkeitsstörung ist die Gesamtperson in dem Sinne erfasst, dass die Person diese innere „Schieflage“ selbst nicht erleben – begreifen kann. Sie kann sich in ihrem inneren seelischen Spiegel nicht erfassen, sie kann über sich selbst diesbezüglich nicht realistisch reflektieren, sie leidet auch nicht an der Störung direkt, sie ist also „uneinsichtig“, leidet aber oft an den Folgen ihres Verhaltens. Die Person ist mit sich selber starr identifiziert, erlebt sich selber als unauffällig und normal, an ihren Auffälligkeiten leidet hauptsächlich die Umgebung. In bestimmten Fällen ist z. B. in diesem Sinne das moralische Empfinden beeinträchtigt. Demgegenüber leidet der Neurotiker an sich selber, an seiner Zerrissenheit, an den eigenen Zweifeln, Unsicherheiten, negativen Emotionen wie Angst, Schuld, Scham, Wut, Enttäuschung; er hat mehr Einsicht in seine inneren Mechanismen, verändern kann er sie nur begrenzt, weil sich die Mechanismen dem Willen bzw. dem Bewusstsein entziehen. Man kann natürlich trotzdem nicht sagen, dass jede „Uneinsichtigkeit“ die Folge einer Persönlichkeitsstörung wäre. Ausblendende Mechanismen hat jeder Mensch, das hohe Maß dieser Ausblendungen ist jedoch bei der Persönlichkeitsstörung bestimmend. Die Ausblendungen (die eigenen blinden Flecken“) kommen bei den psychosomatischen Störungen auch vor.
Zu den Therapiemöglichkeiten der Neurose: Je nach Schweregrad der Symptome, nach persönlicher Situation des Betroffenen, nach Möglichkeiten am Wohnort sind entweder ambulante oder stationäre psychotherapeutische Maßnahmen indiziert. Bis heute gilt die alte Erfahrung, das es Jahre vergehen, bis die Patienten in gezielte Behandlung gelangen. Viel Leid, Krankheitsausfälle, unnütze Maßnahmen hat bis dahin der Mensch hinter sich. Die erste Anlaufsstelle ist in der Regel der Hausarzt. Unterstützend können, gelegentlich sollen auch Medikamente gegeben werden, aber immer bei begleitenden psychischen Maßnahmen. Die Neurose ist eine Krankheit. Wir wissen heute, dass die meisten Frühberentungen neben Erkrankungen des Bewegungsapparates aus psychosomatischen Gründen erfolgen. Die Neurose gilt als Risikozustand für das Nachlassen der beruflichen Leistungsfähigkeit, ein Teufelskreis entsteht, sowohl die gesundheitliche, als auch die soziale und berufliche Situation verschlechtern sich, wenn der Patient weder allein mit der Situation zurecht kommt, noch sich geeignete Hilfe holt.
Dr. med. A. Harrach
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